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SUnburned

Szenischer Spielfilm
Drama, 90 Minuten

Darsteller: Sabine Timoteo, Zita Gaier, Gedion Oduor Wekesa, Nicolais Borger

Drehbuch / Regie: Carolina Hellsgård
Kamera: Wojciech Staron
Szenenbild: Ben Zuydwijk
Kostüm: Alette Kraan
Make-up: Susa Jiritano
Schnitt: Ruth Schönegge
Produzentin: Nicole Gerhards, NIKO FILM
Ko-Produzentin: Johanna Aust, FLICKFILM
The Film Kitchen (Holland), Staron Film (Polen),  WDR, SWR and ARTE

Entwicklung gefördert von medienboard berlin-brandenburg
Produktion gefördert von Medienboard Berlin-Brandenburg, BKM, Film- und Medienstiftung NRW, Creative Europe MEDIA, nordmedia, FFA, Dutch Film Fonds

 

Synopsis

Claire (13), ein eigenwilliges Mädchen, verbringt die Ferien mit ihrer älteren Schwester Zoe (15) und ihrer Mutter Sophie in Spanien. Sie wohnen in einem Hotel am Strand in Andalusien. Sophie verbringt ihre Tage am Pool und zeigt nur minimales Interesse an ihren Töchtern. Anfangs klammert sich Claire an ihre ältere Schwester Zoe. Doch als sich Zoe in Michael, einen Jungen ihres Alters, verliebt ist Claire auf sich allein gestellt. Am Strand freundet sich Claire mit dem jungen senegalesischen Strandverkäufer Amram an. Sie versucht ihm zu helfen, und macht dadurch unabsichtlich seine verzweifelte Situation noch aussichtsloser.


Eine Verbindung zur Welt aufbauen
Regisseurin Carolina Hellsgård über ihr Film SUNBURNED
Interview geführt von Thekla Dannenberg


SUNBURNED erzählt von der 13-jährigen Claire, die mit ihrer Familie am Mittelmeer in Spanien Urlaub macht. Sie begegnet dem jungen afrikanischen Strandverkäufer Amram und erlebt eigentlich mehr Realität als so ein junges Mädchen verkraften kann. Die Geschichte findet in einer leicht surre- alen Traumlandschaft statt, in der Spiele und aufblühende Teenager-Sexualität ein vages Gefühl von Gefahr hervorrufen.

Mit Claire wollte ich eine Figur schaffen, die in ihrer eigenen Familie eine Außenseiterin ist. Wenn sie zusammen in den Urlaub fahren, sollen sie sich amüsieren, aber bei Claire klappt es nicht. Die Flirt- spiele ihrer Mutter und Schwester verwirren sie, und sie versteht noch nicht, was es heißt, begehrt zu sein werden oder jemanden zu begehren. Sie beziehen sie nicht in ihre Interaktionen ein und letzt- endlich fühlt sich Claire einsam und etwas verloren. Die Nicht-Kommunikation innerhalb der Familie führt zu einer fast thrillerartigen Atmosphäre.

 

In dem Film begegnen sich Kontinente, Europa und Afrika, Urlauber und Migranten. Die erste Erfah- rung mit einem afrikanischen Strandverkäufer erlebt Claire als Übergriff. Warum ein solcher Einstieg?

Die Begegnung mit dem Strandverkäufer löst in Claire etwas aus. Er berührt sie an der Hand, es ist nichts Schlimmes, aber ein Übergriff. Das Wichtige ist: Sie leidet nicht darunter, sie wird nicht zum Opfer, sondern emanzipiert sich. Sie ahnt, dass sie Aufmerksamkeit geweckt hat und dreht es nun um. Jetzt entwickelt sie ihrerseits Interesse.

 

Claire lernt Amram kennen, einen Jungen aus dem Senegal, der ihr Schmuck und anderes verkaufen möchte. Sie will Abenteuer, er muss Geld verdienen.

Am Anfang ist ihre Beziehung vielleicht pragmatisch, aber sie sind auch Seelenverwandte. Amram steht wie Claire außerhalb. Dass er Geld braucht, sagt er ihr von vornherein ganz offen. Er will fünf Euro, sie besorgt sie ihm. Er braucht noch mehr Geld, da gibt sie ihm die Kreditkarte ihrer Mutter. Sie ist noch ein Kind, sie macht sich die Konsequenzen ihres Handelns nicht bewusst. Sie ist vielleicht auch ein bisschen naiv. Aber Amrams prekäre Situation ist real, und im Gegensatz zu vielen anderen Menschen versucht Claire helfen. Deshalb mag ich sie so sehr.

 

Am Anfang erlebt man Claire in der Hotelanlage wie hinter gläsernen Mauern.

Sie ist getrennt von der Welt. Darum geht es in dem Film. Sie sind alle gefangen in ihrer eigenen Bubble, aber zumindest Claire versucht da herauszukommen. Sie versucht eine Verbindung zur Welt aufzubauen. Sie hat keine Angst. Das ist das Wichtigste in dem Film, dass sie auch gern mit Amram Zeit verbringt und nicht nur denkt, dass er sie ausnutzt. Sie ist offen. Aber die Welt ist größer und komplexer als sie erwartet.

 

Welche Rolle spielt die Familie?

Die Mutter ist schon ein bisschen unglücklich. Die Schwester ist nicht gefangen, dafür ist sie noch zu jung. Die wird sich auch weiter entwickeln. Ich bin bei der Familie recht optimistisch. Sie werden es alle schaffen sich weiterzuentwickeln, aber nicht gemeinsam, sondern individuell. Und vor allem ist die Familie nicht die Lösung. Für keine dieser drei Frauen. Sie müssen zu sich selbst finden. Es ist eigentlich ein Antifamilienfilm. Sie müssen alle herausfinden, was sie eigentlich wollen. Claire ist nur die erste, die das geschafft hat.

 

Warum interessiert sich die Mutter so wenig für ihre beiden Töchter?

Ich mag es sehr, wie Sabine Timoteo diese eindeutig unsympathische Mutter spielt. So eine Mutterfigur ist natürlich ein Tabu, aber ich fand es wichtig, das auch mal so zu zeigen. Normalerweise werden eher Väter so gestaltet. Die Mutter ist überzeugt, dass ihre Töchter ohne sie klarkommen werden, weshalb sie den beiden kaum Aufmerksamkeit gibt.

 

Kannst Du noch etwas zu dem Titel SUNBURNED sagen? Es gibt ja die Szene, in der sich Claire unge- schützt der Sonne aussetzt und sich einen üblen Sonnenbrand holt. Wie müssen wir den verstehen? Dass Claire Erfahrungen machen will, auch wenn sie weh tun?

SUNBURNED bedeutet so viele verschiedene Sachen. Claire will sich auch selbst bestrafen, sie will sich weh tun. Für mich hängt der Titel aber auch mit der Traumebene zusammen. Wenn man zu viel Sonne abbekommen hat, verliert man ja auch ein bisschen den Blick für die Realität. Man kann nicht alles mit der gleichen Klarheit sehen. Die Dinge werden schwebend und irreal.

 

Der Film lebt ganz vom Spiel seiner beiden jugendlichen Darsteller, Zita Gaier und Gedion Oduor We- kesa. Ist das nicht riskant?

Ja klar, aber wir haben viele riskante Sachen gemacht. Zita kannte ich gut, ich habe vor den Dreharbei- ten mit ihr eine Woche auf dem Land verbracht. Aber Gedion lebt in Nairobi und mit ihm konnten wir vorher nicht proben. Wir mussten einen Coach hinschicken. Wir hatten ihn in STYX gesehen und wollten ihn unbedingt für die Rolle, auch wenn Amram aus dem Senegal kommt und eigentlich Französisch sprechen müsste. Er hat eben ganz andere Bewegungsmuster als Jugendliche in Deutschland.

 

SUNBURNED erzählt von einem Urlaub am Mittelmeer, aber es ist überhaupt kein Sommerfilm. In den Bildern von Wojciech Staron´ gibt es keine Leichtigkeit, kein Licht, keine flirrende Luft. Es gibt einige Bilder vom Strand. Doch die Architektur ist streng, geordnet, fest gefügt.

Ich sehe den Film als eine Art von Traum. Der ganze Film ist eigentlich blau. Ich wollte einen Hauch von Melancholie darin haben. Man muss spüren, dass etwas verloren gegangen ist. Es gibt zwei Haupt- verluste im Film, Claires Verlust der Kindheit und den Verlust des Lebens von Einwanderern in Europa. Wojciech‘s Bilder reflektieren diese Verluste auf emotionaler Ebene.

Wir haben hauptsächlich in Innenräumen gedreht, um eine klaustrophobische Atmosphäre zu schaffen. Dazu haben wir viel mit verspiegelten Oberflächen gearbeitet, wo durch die Claire und ihre Familie scheinbar hinter Glas gefangen sind. Panoramaaufnahmen gibt es kaum; Alles ist stillgelegt, denn schließlich sind diese drei Frauen in ihrer Existenz eingesperrt.

Gleichzeitig ist auch Amram gefangen. Spanien ist für ihn zum Gefängnis geworden. Wie viele Migran- ten lebt er in einer Art Schwebezustand; er kann nicht nach Hause zurückkehren, in Europa aber kein anständiges Leben führen. Wojciech und ich lieben beide Michelangelo Antonioni – die strenge Archi- tektur in seinen Filmen reflektiert die Psychologie der Figuren – und ist voller Schatten.

 

Ihr habt am spanischen Mittelmeer gedreht, in Matalascañas, in der Nähe von Huelva. Aber man er- kennt ihn nicht. Warum spielt der Ort an sich keine Rolle?

Mir war wichtig, dass man den Ort nicht einordnen kann. Es sollte überall sein können, auch in Italien, Frankreich, Griechenland. Auch die Bilder aus Afrika sollen keinen konkreten Ort zeigen, sondern die Wüste, ein symbolisches Bild. Für viele Menschen dort gibt es kein Leben, keine Zukunft, keine Mög- lichkeiten, sich weiterzuentwickeln.

Darüber hinaus hat der Klimawandel die Lebensbedingungen verschlechtert. Deswegen fliehen sie zu uns. Es war mir wichtig, dass Amram, der nach Afrika zurückkehrt, in keiner Weise eine Lösung symbo- lisiert. Es bedeutet vielmehr das Ende seiner Existenz; Wüste, Staub und Tod. Claire ist nicht die typi- sche weiße Retterin, sondern Teil des Problems, obwohl sie wohlmeinender ist als die meisten anderen Menschen.

 

Wie habt Ihr bei Euren Dreharbeiten die Lage in Matalascañas erlebt? Wie begegnen sich Migranten, Einheimische und Touristen?

Die meisten Senegalesen, die ich gesprochen habe, finden es besser Strandverkäufer zu sein, als in der Obstindustrie zu arbeiten, weil sie dort oft nur zwanzig Euro am Tag verdienen und gefangen sind in den Camps auf den Feldern. Das ist fast schon Sklaverei. Am Strand sind sie wenigsten frei und nicht so einsam. Auch mit den Spaniern verstehen sich die Migranten ziemlich gut. Sie sind nicht menschlich marginalisiert, sondern strukturell. Viele sind ganz jung, dürfen aber nicht studieren. Und im Winter gehen sie alle nach Paris, dort wohnen sie dann in Lagern unter Brücken. Sie haben keine Perspektive. Aber ich habe wenig Rassismus erlebt, im Gegenteil. Eigentlich sind viele Menschen sehr nett zueinander. Genervt waren immer nur die Touristen. Wenn man woanders ist, übernimmt man keine Verantwortung.

 

Deine vorigen Filme, WANJA und ENDZEIT, arbeiteten stärker mit Genre-Elementen. Warum hast Du Dich bei SUNBURNED davon gelöst?

Ich bin schon eine sehr formale Filmemacherin, ich drehe gern Genre-Filme. Aber zu SUNBURNED passte es einfach nicht. Der Film erzählt so viel auf verschiedenen Ebenen. Und Claire ist keine enig- matische Figur, sondern real. Das kann ich nur als Drama erzählen, nicht noch zuspitzen. Aber ich finde Genrefilm toll. Es ist wie ein Sonett, man muss dem Muster folgen, kann dabei jedoch sehr atmosphä- risch erzählen. Das mag ich. Mein nächster Film soll ein Gangster/Heist-Movie werden, mit vielen Tie-ren.

 

 

 

 

 

 

 

 

Workshops

B'EST EAVE, Tallinn, 2015
Gewinner Cannes Marché du film Producers Network Prize
http://eave.org/news/best-eave-announces-project-slate/

 

Script Circle, Berlin, 2015
Franz Rodenkirchen, Françoise von Roy
http://www.solace23.com/scriptcircle.html

 

Script & Pitch POWR Baltic Stories Exchange Workshop,  2014 
http://www.screendaily.com/news/baltic-event-unveils-2014-projects/5079655.article 

 

Les Ateliers Premier Plans, D'Angers, July 2012
Script Workshop, artistic director: Jeanne Moreau 
www.premiersplans.org